Antifaschistischer Stadtrundgang Wattenscheid

Am Sonntag 11.10. fand in Wattenscheid der erste antifaschistische Stadtrundgang statt. Veranstaltet wurde er vom Kuratorium „Stelen der Erinnerung“ e.V., gemeinsam mit „GEMI“- dem Forum Gemeinsam für Integration e.V.. Dieser Rundgang bildete gleichzeitig auch den Abschluss von GEMIs Wattenscheider Erinnerungswoche 2020. Das Kuratorium berichtet: »Der gut besuchte Rundgang wurde vom „Stelen“- Vorsitzenden Felix Oekentorp moderiert und startete um 14 Uhr am „Betti Hartmann- Platz“ am Wattenscheider Rathaus. Betti Hartmann war das jüngste Wattenscheider Holocaust- Opfer und wurde am 31.8.1942 in Auschwitz ermordet.


Nur dem unermüdlichen Drängen des 2015 verstorbenen Wattenscheider Antifaschisten Hannes Bienert , ein Name der noch häufig fiel, ist es zu verdanken, dass der Platz heute Betti Hartmanns Namen trägt. Der nächste Halt war die Gedenktafel an den antifaschistischen Neuanfang in Wattenscheid ,auf der anderen Seite des Rathauses, die 1986 als Ersatz für eine von Neofaschisten zerstörte Tafel eingeweiht wurde.
Die Reste der zerstörten Originaltafel sind übrigens gemeinsam mit einem Pressespiegel im Foyer des Rathauses ausgestellt.
An dieser Station erinnerte Felix Oekentorp an die neofaschistischen Umtriebe in Wattenscheid der 1980er- Jahre, an die sich einige der RundgangsteilnehmerInnen noch lebhaft erinnern konnten.
Insgesamt hatte der Rundgang nichts von einem starren Vortrag, sondern die Teilnehmenden bereicherten ihn immer wieder durch eigene Beiträge und Informationen.
Als Nächstes ging es zum „Alten Markt“ vor dem Gertrudiscenter, wo die ersten Stolpersteine Wattenscheids für die jüdische Familie Schnitzer verlegt worden waren.
Danach wurde am wenig bekannten Gedenkstein für den katholischen Widerstandskämpfer Nikolaus Groß an der „Propst- Hellmich- Promenade “ des engagierten Geistlichen gedacht.
Auch Probst Hellmichs engagierter Kampf gegen den Faschismus wurde gewürdigt.
Die Stelen am Nivellesplatz, mit den Namen der 87 von den Faschisten ermordeten Wattenscheider Jüdinnen und Juden, waren der nächste Haltepunkt des Rundgangs.
Auch dieses komplett privat finanzierte Denkmal gehört zum Vermächtnis von Hannes Bienert, der in ganz Wattenscheid das Geld dafür zusammensammelte.
Die Stelen wurden 2009 eingeweiht und sind die Namensgeber für das Kuratorium „Stelen der Erinnerung“. Hier findet an jedem 9. November die Gedenkveranstaltung für die Reichspogromnacht statt und auch der Ostermarsch Rhein- Ruhr hat hier schon häufiger Station gemacht.
An der städtischen Gedenktafel für die 1938 zerstörte Wattenscheider Synagoge, wenige Meter von den Stelen entfernt, erinnerte Kuratoriumsvorsitzender Oekentorp, in bewegten Worten, an das skandalöse Urteil von zehn Tagessätzen zu je 15 Euro wegen Nichtanmeldung der Gedenkveranstaltung am 9.November 2004 gegen Hannes Bienert.
Der Prozess und das bis heute unverständliche Urteil hatten national und international zu einer Welle der Solidarität mit Hannes Bienert geführt.
Als vorletzte Station des Rundgangs wurde der Stolperstein für Alfred Hess angesteuert, der sich vor dem ehemaligen Kaufhaus „Horten“ gegenüber der Sparkasse in der Wattenscheider Fußgängerzone befindet.
Vormals gehörte das Kaufhaus Sally Hess und wurde wie viele andere jüdische Kaufhäuser durch den späteren Kaufhaus- Millionär Helmut Horten „arisiert“.
Familie Hess gelang die Flucht vor den Faschisten ins Ausland, sie mussten allerdings ihren behinderten Sohn Alfred zurücklassen.
Die letzte Station bildete der „August- Bebel- Platz“, an dem Felix Oekentorp noch einmal, wie zuvor am Getrudisplatz und der „Probst- Hellmich- Promenade“, den faschistischen Einfluss auf das Wattenscheider Stadtbild illustrierte. Vor 1945 hieß der „August- Bebel- Platz“ „Adolf- Hitler- Platz“, der Getrudisplatz „Platz der SA“ und die „Probst Hellmich- Promenade“ war nach Horst Wessel benannt.
Mit dem Verweis auf weitere sehenswerte Gedenkorte, wie die Wattenscheider Freilichtbühne und den „Friedenspark Ehrenmal“, endete der Rundgang.
Alle hier genannten Orte sind auch im am 31.8. 2020 von „Stelen der Erinnerung“ und dem Alois Stoff Bildungswerk der DFG/VK herausgegebenen „Antifaschistischen Stadtplan“ beschrieben.«

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